Tempolimit - Autobahn bei Nacht

Kommt nach der Wahl das Tempolimit?

Deutschland, das Land der „unbegrenzten Geschwindigkeit“. Als einziges Land der EU existiert kein Tempolimit. Doch nach der Wahl könnte es – je nach Konstellation soweit sein.

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Das Thema Tempolimit auf deutschen Autobahnen wird seit Jahren hitzig diskutiert. Auf der einen Seite wollen Menschen offenbar „Gas geben“ – koste es, was es wolle. Auf der anderen Seite existieren gute Gründe, weswegen ein Tempolimit Sinn machen könnte. 

Im Wahlkampf wurde dieses Thema nicht zur Sprache gebracht. In den Wahlprogrammen hingegen finden sich Hinweise. 

So vermeiden die Grünen beispielsweise das Wort „Tempolimit“, fordern stattdessen ein „Sicherheitstempo“ von 130km/h für Autobahnen (120 bei „besonderen Gründen“) mit dem Ziel „Vision Zero“ zu erreichen, also keine Toten und Schwerverletzten mehr im Straßenverkehr.

Außerdem möchten sie es Kommunen erleichtern, in geschlossenen Ortschaften Tempo 30 einzuführen.

Auch die SPD spricht sich für eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn, genauer gesagt 130 km/h, aus. Auch die Linke möchte Limits durchsetzen, 120 km/h auf Autobahnen, 80 km/h auf Landstraßen und innerorts 30 km/h.

Sollte es also zu einer Rot/Grünen oder Rot/Rot/Grünen Koalition kommen, kann man davon ausgehen, dass ein Tempolimit eingeführt wird.

Anders sieht es bei Union, FDP und AfD aus. Diese Parteien lehnen uns verschiedenen Gründen ein Tempolimit ab. Sollte es also zu einer Beteiligung der FDP oder der Union an der Regierung kommen, könnte dies als Druckmittel genommen werden, um SPD oder Grüne zu Zugeständnissen zu bewegen.

Verkehr faktisch drittgrößter Verursacher von CO2

Nach Erhebungen des Bundesumweltamtes wurden im Jahr 2019 810 Millionen Tonnen Treibhausgase durch die Bundesrepublik Deutschland ausgestoßen. Auf den Sektor „Vekehr“ fielen demnach rund 165 Millionen Tonnen – in etwa gleich viel wie im Jahr 1990.

Damit ist der Verkehrssektor der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasen in Deutschland – hinter Energiewirtschaft und Industrie. 86 Prozent der Emissionen entstehen im Verkehrssektor auf Straßen, ein Viertel davon auf Autobahnen.

Welches Einsparpotenzial bietet ein Tempolimit?

Nach aktuellen Studien des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2020 könnten durch ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen rund 1,9 Millionen Tonnen CO2 einsparen lassen. Bei einem Tempolimit von 120 km/h wären 2,6 Millionen Tonnen, bei Tempolimit 100 km/h ganze 5,4 Millionen Tonnen pro Jahr. Legt man die Einsparziele bis zum Jahr 2030 zu Grunde, ließen sich durch die genannten Limits entweder 2,4 Prozent (130 km/h), 3,2 Prozent und bei Tempolimit 100 rund 7 Prozent der einzusparenden Emission reduzieren.

Rettet dies die Klimaziele?

Nein. Der CO2-Ausstoß Deutschlands muss drastisch gesenkt werden, wenn die die selbstgesteckten Klimaziele erreicht werden sollen. 

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Hierzu trägt ein Tempolimit bei, ist aber nicht das wichtigste Element. 

Besonders der Sektor „Energie“ ist gemeinsam mit „Industrie“ der größte CO2-ausstoßende Bereich in Deutschland. Erneuerbare Energien zu nutzen, ist daher alternativlos. Ein Tempolimit würde dennoch positiv zur Reduzierung von CO2 und Feinstaub (durch Bremsen und Reifenabrieb) beitragen.

Zusammenhang zwischen Tempolimit und Unfällen schwierig

Häufig sprechen Politiker von der Reduzierung von Unfällen und Toten durch ein Tempolimit. Diesen Zusammenhang sei schwierig herzustellen, da viele Faktoren in einem solchen Thema eine Rolle spielen, so führende Wissenschaftler.

Wie würde sich ein allgemeines Tempolimit von 130 km/h konkret auf die Todeszahlen auswirken? “Wir haben tatsächlich keine aktuelle Forschung, die uns in irgendeiner Prozentzahl zeigt, was ein allgemeines Tempolimit bringen würde”, sagt beispielsweise Unfallforscher Brockmann. Aussagekräftige Studien gäbe es nicht. 

Deutsche Insel der Glückseligkeit

Deutschland ist, wie eingangs erwähnt, das einzige EU-Land, dass auf ein Tempolimit verzichtet. In allen anderen EU-Ländern liegen die Autobahnhöchstgeschwindigkeiten bei 120 oder 130 km/h.

Dabei hat ein Tempolimit durchaus Vorteile. Die Gefahr von Ziehharmonika-Effekten wird reduziert. Ebenso der massive Geschwindigkeitsüberschuss zwischen Fahrzeugen, die oft zu Fehleinschätzungen führen, werden vermieden. Generell wird sich die teils extrem aggressive Fahrweise einiger Zeitgenossen ändern. 

Die Sorge, dass Fahrzeugführerinnen oder Fahrzeugführer durch die langsamere Fahrweise mehr auf dem Handy spielen oder auf der Rücksitzbank Kaffee kochen, sehe ich nicht. 

Fazit

Ob ein generelles Tempolimit zu weniger Verkehrstoten oder schweren Unfällen führen wird, gilt als unbewiesen. Dass sich CO2-Emissionen einsparen lassen, ist unbestritten.

Der Blick in andere Länder Europas zeigt auch, dass sich der Verkehr nicht stauen würde, sondern der Verkehrsfluss verstetigt würde. 

Es gibt also gute Gründe für ein Tempolimit. Außerdem könnte es den Schilderwald inklusive teilweise unfair aufgestellter Verkehrsüberwachungseinrichtungen reduzieren. Es gibt also durchaus Gründe dafür, ein „GameChanger“ ist es hingegen nicht. Ich würde mich freuen, wenn – und wenn es nur testweise ist – auf bestimmte Zeit ein Tempolimit eingeführt würde.

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