Einsames Kind

Lockdown-Maßnahmen treffen Kinder und Jugendliche besonders

Mediziner und Leiter von Kinder- und Jugendpsychiatrien schlagen Alarm: Immer mehr Kinder leiden unter den Folgen des Corona-Lockdowns. Doch die Regierung in Deutschland stellt sich ahnungslos.

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Österreicher und Deutsche „ähneln“ sich durchaus. Offenbar jedoch nicht, wenn es darum geht, die Auswirkungen der staatlich verordneten „Lockdowns“ auf die Kinderpsyche zu bewerten.

 Kinder und Jugendliche leiden offenbar deutlich unter den Lockdowns, wenn man zahlreichen Leitern von Kinder- und Jugendpsychiatrien Glauben schenken darf.

Vor wenigen Tagen schockierte Paul Plener, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am „AKH Wien“ im ORF, dass seine Abteilung teilweise so sehr überlastet sei, dass es „zu einer gewissen Triagierung“ komme.

Wir müssen bereits triagieren, das heißt, wir müssen entscheiden, wer sofort eine Behandlung bekommt und wer nicht“, sagt Plener.

Es kommen mehr, und die Zustandsbilder sind deutlich akuter und schwerer ausgeprägt, sodass Patienten, die weniger akut sind, aber trotzdem einer stationären Aufnahme bedürfen würden, natürlich auch nachgereiht werden müssen im Sinne einer gewissen Triagierung“.

Kinder berichten, so heißt es in dem Artikel weiter, von „großer Erschöpfung, großer Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Stimmungsverschlechterung leiden würden“. Sogar Suizidgedanken, auch Suizidversuche in der jüngeren Vergangenheit seien ein Thema. Die Gründe hierfür seien vielfältig, so Plener: Die Schulschließung sowie der soziale Rückzug, aber auch der Verlust von positiven Erlebnissen im Alltag und fehlender sozialer Kontakt.

Ähnliche Aussagen kommen aus unterschiedlichen Klinken im Bundesgebiet. In einem WDR-Interview mit Dr. Heiner Ellebracht, dem Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK-Kinderklinik in Siegen wurde Ähnliches berichtet.

In der jetzigen Corona Krise gibts natürlich eine starke Zunahme körperlicher und seelischer Beschwerden durch die Schul- und Kita-Schließungen sowie die Kontaktbeschränkungen. Der Grund dafür sind die starken Einschnitte, die fehlenden Freizeit- und Spielmöglichkeiten der Kinder. Sie hängen oft viel zu lang vor dem Computer und dem Handy“, so der Mediziner. „Die Kinder leiden teilweise an Hyperaktivität, emotionalen Problemen, Verhaltensproblemen. Aber auch psychosomatische Probleme, wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Einschlafprobleme kommen vor“, führt Dr. Ellebracht aus.

Eltern besonders gefordert

Gerade Eltern seien in dieser Zeit besonders gefordert. Schaffen diese es, familiäre Kontakte so zu gestalten, dass es für die Kinder „in Ordnung ist“, kämen Kinder und Jugendliche besser durch die Pandemie. Eltern rät Ellebracht, für ihr Kind da zu sein. „Eine vertraute Bezugsperson sollte in der Nähe sein, es sollte eine Struktur geben, wie feste Essens- und Schlafenszeiten. Das kann schon Sicherheit geben. Und Kinder sollten sich körperlich betätigen. Trotzdem aber auch mal entspannen und spielen können“.

Dominik Schneider, Direktor der Westfälischen Kinderklinik in Dortmund berichtet ähnliches: Die überwiegende Meinung von Eltern und Kindern sei, dass „es mit dem Home Schooling wirklich nicht gut klappt“, psychische Belastungen nehmen zu, ebenso die Rate v on depressiven Störungen. Begründet lägen diese Änderung darin, dass zwei von drei großen sozialen Räumen durch die Lockdowns nicht mehr zur Verfügung stünden: Schule sowie Freunde und Hobbys können derzeit nicht oder nur stark eingeschränkt ausgeübt werden. Und auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen sieht massive Zunahme im Bereich der Verhaltensauffälligkeiten.

Schon jetzt berichten Kinderärzte und Jugendtherapeuten über eine massive Zunahme von Kindern, die verhaltensauffällig sind“, so Gassen gegenüber der Rheinischen Post. Dies sei kein Wunder, “wenn sie über Wochen keine anderen Kinder zum Spielen und keine strukturierten Tage mehr haben“. Gassen fordert daher eine schnellstmögliche Schulöffnung, sobald es vertretbar sei, ansonsten „vernichten wir Bildungschancen der Kinder“.

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Bundesregierung weiß von nichts

Abenteuerlich sind die Aussagen, die die Sprecher von Bundesregierung und Bundesgesundheitsministerium am 29.01. auf der Bundespressekonferenz zu Protokoll gaben. Boris Reitschuster, ein unbequemer, kritischer Journalist, brachte die beiden Sprecher mit seinen Fragen ins Schwitzen.

Dabei wollte er nur wissen, ob die Bundesregierung von den Studien aus Österreich wisse und wie in Deutschland Kinder- und Jugendpsychologie gemonitort wird.

Nach „aktuellen Auswertungen des RKI zur gesundheitlichen Lage in Deutschland in der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass sich die Zahl der psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung durch die Coronakrise erhöht hat“, sagte der Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Hanno Kautz.

Vielleicht sollte Herr Kautz mal mehr öffentlichen Rundfunk anschauen, dort berichtete bereits die „Tagesschau“ am 8.01. von genau solchen Problemen – sowie auch der RBB Mitte Januar: „Während der Corona-Pandemie haben Ärzte in Berliner Psychiatrien deutlich häufiger die Fixierung von Patienten ans Bett angeordnet. Für bessere Deeskalation fehlt den Stationen oft das Personal, sagen Klinikmitarbeiter.

Auf die Nachfrage Reitschusters bei Regierungssprecher Steffen Seibert, mit wie vielen Kinder- oder Jugendpsychologen sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Zusammenhang mit den Maßnahmen beraten hat, folgte ein Redeschwall Seiberts ohne nennenswerten Inhalt. Auf Nachfrage der ARD-Reporterin, ob überhaupt schon einmal einen Kinder- oder Jugendpsychologen in eine vorbereitende Sitzung zu den Bund-Länder-Sitzung geschafft habe, antwortete er knapp mit „Nein“. In seiner vorherigen Antwort klang das jedoch anders: „Die Bundesregierung nimmt wissenschaftliche Stellungnahmen, wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse aus allen Richtungen, die die Pandemie betreffen, zur Kenntnis. Wenn Sie zum Beispiel konkret nach der Situation von Kindern und Jugendlichen fragen, würden diese Kenntnisse und Studien sicherlich vor allem in den zuständigen Ministerien, dem Ministerium für Bildung und Forschung und dem BMFSFJ, ausgewertet; denn das ist natürlich auch immer eine Ressortsache. Die Bundeskanzlerin hat in den vergangenen Monaten eine Vielzahl von wissenschaftlichen Gesprächspartnern und Informationsgebern gehabt, und das wird auch weiterhin der Fall sein. Ich erinnere mich beispielsweise, dass Professor Berner, dessen Fachgebiet meiner Meinung nach Kinder und Jugendliche sind, an einer der Vorbereitungssitzungen teilgenommen hat.“

Es folgten im Anschluss weitere Ausführungen, dass natürlich in Ministerien Ressortzuständigkeiten existieren würden, deren Ergebnisse in Beratungen eingebracht würden.

Aus meiner Sicht ist es auch in diesem Fall, wie bereits häufig im Verlauf der Pandemie: Viele Worte, wenig Inhalt.

Besondere Informationen über die Auswirkungen der Lockdowns auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen wollte keiner der Sprecher verbreiten.

Dies deckt sich auch mit den Aussagen Merkels im aktuellen Podcast: „Noch sind wir nicht so weit, Kitas und Schulen wieder öffnen zu können“. Man setze alles daran, Kitas und Schulen als Erstes wieder öffnen zu können, “um den Kindern ein Stück ihres gewohnten Alltags wiederzugeben und um Familien zu entlasten“, so Merkel.

Dass Kinder und Jugendliche auf soziale Kontakte verzichten müssen, nannte sie „bitter“. Dies ist angesichts der Warnungen eine Untertreibung.

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