Reproduktionsrate: Der verrückte Tanz um einen Schätzwert

Die Reproduktionsrate, auch „R“ genannt, hat sich zu dem Gradmesser aufgeschwungen, der über Lockerungen oder Verschärfungen von Coronamaßnahmen entscheidet. Natürlich spielen noch weitere Faktoren eine Rolle, doch in den Medien ist hauptsächlich von „R“ die Rede.

War es zu Beginn der Corona-Pandemie noch die „Verdopplungszahl“, hinter der die Politik herrannte, als sei es „ein goldenes Ei“, gilt der R-Wert mit fortschreitender Pandemie der „bessere“ Wert, um den aktuellen Grad der Infizierungen bestimmen zu können.

Während die Verdopplungszahl aussagte, nach wie vielen Tagen sich die Zahl der Infizierten verdoppelt, um ein exponentielles Wachstum nachzuweisen, beschreibt die Reproduktionsrate „R“, wie viele Menschen von einer mit dem Coronavirus infizierten Personen angesteckt werden.

Reproduktionsrate – ein RKI-Faktencheck

Einfach erklärt: Je deutlicher „R“ unter „1“ liegt, desto eher ist die Politik zu Lockerungen bereit. Zu Beginn der Pandemie, als Großveranstaltungen abgesagt wurden (ca. 09.03.2020) lag der R laut RKI „im Bereich von 3“, laut Diagramm bei ca. 3,3 – was bedeutet, dass jeder Infizierte das Virus an mindestens drei Personen weitergibt.

Während am 16. März die Bund-Länder-Vereinbarung zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschlossen wurden, lag der R-Wert schon nur noch bei ca. 1,5, um dann am 23.03. , als das umfassende Kontaktverbot ausgesprochen wurde, bereits unter 1 zu liegen.

Seit diesem Tag schwankt der R-Wert „um 1 herum“, mal bei 0,7, mal bei 1,3. Hierzu zitieren wir aus dem epidemiologischen Bulletin 17/2020 vom RKI, welches wir unten zum Download anbieten (Seite 15): „Die R-Schätzung ergibt für Anfang März Werte im Bereich  von  R  =  3,  die  danach  absinken,  und  sich  etwa  seit  dem  22.  März  um  R  =  1  stabilisieren  (s.    Abb.  4).  Am  9.  April  lag  der  Wert  von  R  bei  0,9  (95 %-PI: 0,8 –  1,1). Unter Anderem die Einführung des  bundesweit  umfangreichen  Kontaktverbots  führte dazu, dass die Reproduktionszahl auf einem Niveau unter 1/nahe 1 gehalten werden konnte.

RKI Bulletin 17/2020
Auszug aus dem RKI Bulletin 17/2020 | Quelle: RKI

Für uns als „Nicht-Virologen“ bedeuten diese Zahlen erst einmal eins: Bereits zur Einführung der Kontaktbeschränkungen und Unternehmensschließungen lag der R bei ca. 1. Durch diese Maßnahmen wurde der Wert jedoch nicht maßgeblich reduziert. Der Hinweis, dass durch das Kontaktverbot der Wert niedrig gehalten werden konnte, ist fragwürdig, wenn man die weiterhin fallenden R-Werte seit ca. 12.03. anschaut. Der Wert stagniert (!) seit Einführung der Kontaktverbote auf einem Niveau, dass bereits ohne die massiven Einschränkungen erreicht wurde.

In dem Bulletin des RKI heißt es weiter: „Ein weiterer Aspekt ist aber auch, dass in Deutschland  die  Testkapazitäten deutlich erhöht worden  sind und durch stärkeres Testen ein insgesamt größerer  Teil  der  Infektionen  sichtbar  wird.  Dieser  strukturelle  Effekt  und  der  dadurch  bedingte  Anstieg der Meldezahlen, kann dazu führen, dass der aktuelle  R-Wert  das  reale  Geschehen  etwas  überschätzt.“

Alles halb so wild?

Mitnichten. Covid-19 ist nicht zu unterschätzen und wir werden hier keine Verschwörungstheorien befeuern. Der Blick auf Länder wie Italien, Frankreich und Spanien zeigt, dass das Virus existiert und einen riesigen Schaden anrichten kann.

Die meisten Statistiken, die in großen Medien veröffentlicht werden, sind jedoch erst seit Anfang April dokumentiert. Die R-Werte gab es bereits vorher – nur waren die Werte deutlich über „3“.

Jetzt tanzen Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel um den „R-Wert“, als wäre es der heilige Gral. Merkel sagte, der Wert dürfe nicht über „1“ liegen. Dieser Wert wurde bereits gegen 20.03. erreicht – ohne harte Maßnahmen.

Fallzahl des Coronavirus (COVID-19) in Deutschland seit Januar 2020 | Quelle: Statista.de

So sinnvoll auch das Abstandsgebot, Hygiene- und Maskenregel ist, all diese Einschränkungen – inklusive Kontaktverbot und Zwangsschließungen von Unternehmen sorgten nicht für eine weitere massive Reduzierung von „R“.

Übrigens: Selbst das RKI betont, die Zahl „R“ sei mit Unsicherheiten behaftet, da die Daten zur Berechnung mehrere Tage alt sind. Über ein „Statistikverfahren“ wird die Zahl „R“ errechnet und am Ende auf- oder abgerundet – also geschätzt.

Das RKI sagt, dass zur Bewertung von Maßnahmen auch die Zahl der Neuinfektionen und die Schwere der Erkrankungen zu berücksichtigen seien. Schaut man sich die Zahl der Neuinfizierungen an, lagen diese zwischen 27.03 und 03.04. am höchsten (mehr als 6000 Infizierungen pro Tag). Seitdem nimmt die Zahl kontinuierlich ab (aktuell unter 1000 pro Tag).

Man sieht, der R-Wert, der sich seit „Ende März“ kaum nennenswert verändert hat, bildet nicht das tägliche Infektionsgeschehen ab.

Daher sollten Medien und Politiker den „R-Wert“ im Auge behalten, aber nicht hysterisch um ihn herumtanzen.

„Sterbefälle“ in Deutschland

Einen Blick möchten wir auch auf die Sterbefallzahlen in Deutschland werfen. Hierzu wurde vom Statistischen Bundesamt am 08. Mai 2020 eine Sonderauswertung zur Verfügung gestellt.

Waren die Sterbefallzahlen von Januar bis zur letzten Märzwoche unter den Durchschnittswerten vergangener Jahre, zog sie in der letzten Märzwoche an. Das Bundesamt kommt daher zum Schluss, dass es „naheliegend ist, dass die überdurchschnittlich hohen Werte in einem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stehen. Normalerweise gehen die Sterbefallzahlen zu dieser Jahreszeit tendenziell zurück“.

Sterbefallzahlen 2020 - Sonderauswertung Statistisches Bundesamt
Sterbefallzahlen 2020 | Quelle: Statistisches Bundesamt

Was dämmte die Ausbreitung von Corona am meisten ein?

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt, die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten hätten die beste Wirkung zur Eindämmung der Corona-Pandemie gezeigt. um insgesamt 8,0 Prozentpunkte sei die Wachstumsrate verringert worden, sagen die Autoren Tobias Hartl und Enzo Weber. Die Ausgangsbeschränkungen hätten eine Verringerung von 4,3 Prozentpunkte gebracht, die Einstellung von Profi- und Breitensport immerhin 3,4 Prozentpunkte. „Diese Effekte haben eine hohe statistische Signifikanz“, sagen Hartl und Weber.

In Bezug auf die Schließung von Unternehmen, Grenzen, Gastronomie etc. zeigt sich hingegen nach Angaben der beiden an der Uni Regensburg tätigen Forscher kaum messbare Erfolge!

Zitat: „Die Branchenschließungen weisen dagegen absolut deutlich kleinere Regressionskoeffizienten auf. Moderat negative Koeffizienten finden sich bei Beherbergung und Bars/Clubs, aber auch diese sind wie alle anderen Koeffizienten von Branchenschließungen statistisch insignifikant. Zudem fallen ihre Effekte noch kleiner aus, wenn die anderen Branchen herausgenommen werden. Für die Branchen insgesamt ergibt sich auch in einem gemeinsamen Wald-Test keine Signifikanz. Ein nur leicht negativer und insignifikanter Effekt zeigt sich auch bei den Grenzschließungen.“

Auf die „besonderen“ Regeln der Bundesländer Saarland und Bayern bezogen heißt es: „In Bayern, im Saarland und auch in Sachsen gab es über die Regeln der anderen Bundesländer hinausgehende Ausgangsbeschränkungen. Deshalb ermöglichen wir zusätzlich für die entsprechende Variable in diesen drei Ländern einen gesonderten Effekt. Es zeigen sich aber keine Unterschiede in der Wirkung verglichen mit den übrigen Bundesländern.

Quelle: Einzelhandelsschließungen zeigen kaum Wirkung

Weitere Quelle: RKI epidemologisches Bulletin 17/2020

Tobias Hartl & Enzo Weber via Ökonomenstimme

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